Anzeige


08.10.2020

Wasserkraft: neue Anlagen nicht unbedingt fischverträglicher

Moderne Wasserkraftanlagen müssen nicht unbedingt fischverträglicher sein als alte Anlagen. Die Mortalitätsraten an technisch neueren Anlagen wie beispielsweise Wasserkraftschnecken oder Kraftwerke mit VLH-Turbinen sind nicht immer geringer als an konventionellen Anlagen. Der Tierschutz hängt mehr davon ab, wie die Technologien eingesetzt werden, welche Arten im Gewässer vorkommen und welche Gegebenheiten an den jeweiligen Standorten vorzufinden sind. Auch der Aspekt, ob die Anlage in Voll-Last oder Teil-Last läuft, wirkt sich auf das Wohl der Fische aus. Äschen und Bachforellen passieren beim Betrieb der VLH-Turbine mit hoher Last mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wohlbehalten das Kraftwerk, als wenn die Anlage mit niedriger Last betrieben wird. Der Großteil des Fischbestands, insbesondere kleine Fische, folgt der Hauptströmung und wird auch durch Fischschutzrechen nicht davon abgehalten, die Turbinenräume zu passieren. Die an den Kraftwerken angelegten Bypässe, in denen die Fische die Anlagen bei ihrer Wanderung flussaufwärts umschwimmen können, werden von den meisten Tieren für den Abstieg nicht verwendet. Auch Aalrohre werden praktisch nicht genutzt. Zum Aalschutz im natürlichen Verbreitungsgebiet des Aals in Bayern (komplettes Main-Einzugsgebiet) schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor, während der Hauptwanderzeiten in den Nächten im Herbst die Spülklappen, die an Wehren zum Durchlassen von Ästen oder größeren Anschwemmungen vorhanden sind, 10 bis 20 Zentimeter zu öffnen. Dieses Angebot nehmen Aale den Beobachtungen zufolge deutlich lieber wahr. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der TU München. Das Team um Prof. Jürgen Geist, Professor für Aquatische Systembiologie, untersucht mit seinem Team seit 2014 Wasserkraftanlagen hinsichtlich ihrer Wirkung auf abwärts wandernde Fische sowie deren Auswirkungen auf den Gewässerlebensraum. Sieben Anlagen mit vier unterschiedlichen Kraftwerkstechnologien hat das Forschungsteam bisher in Bayern analysiert. Um herauszufinden, ob Fische durch die Wasserkraftanlagen zu Schaden kommen, wurden stromabwärts der Turbinen, Überläufe und Fischpässe Netze aufgestellt, in denen mehr als 70 000 Fische gefangen wurden. Die Forschenden haben untersucht, ob und wie Fische verletzt wurden und ob sie dadurch gestorben sind. Rund 8500 Fische wurden zusätzlich geröntgt, um Hinweise auf innere Verletzungen zu erhalten. Zudem hat das Team auch die Zusammensetzung der aquatischen Lebensgemeinschaft (Fische, Wirbellose, Wasserpflanzen, Algen) und Umweltfaktoren (zum Beispiel Temperatur, gelöster Sauerstoff, pH-Wert) im Ober- und Unterwasser der Wasserkraftanlagen untersucht. Weitere Untersuchungen laufen seit Mitte September an einem weiteren Standort - der weltweit ersten Anlage des an der TUM entwickelten Schachtkraftwerks in Großweil in der Loisach. Das Projekt läuft bis zum Sommer 2022.

Einsetzen von Fangnetzen, den sogenannten Hamen, zum Fangen von Fischen, die die Kraftwerksanlage passiert haben. (Foto: A. Heddergott/TUM)

geist@tum.de

Weiterführende Links
Download des Originalberichts

Webcode: 20201008_001