KW-2022-02

65 Editorial www.dwa.de/KW w Korrespondenz Wasserwirtschaft · 2022 (15) · Nr. 2 Das Katastrophenhochwasser aus dem Juli des vergangenen Jahres wirkt nach. Zum einen stecken die betroffenen Regi- onen immer noch – und wohl auch noch die nächsten Jahre – in den Wiederauf- bauarbeiten. Zum anderen scheint aber, und das ist sehr positiv, dass Thema Kli- mawandel und die daraus resultierenden wasserwirtschaftlichen Folgen in den Köpfen der Politiker deutlich stärker an- gekommen zu sein. So hat das Umwelt- ministerium von Nordrhein-Westfalen Ende Januar den Arbeitsplan „Hochwas- serschutz“ vorgestellt. Kernaussage in der Einführung des 10-Punkte-Plans: „Es ist davon auszugehen, dass der Klimawan- del Ereignisse wie das Hochwasser 2021 zukünftig wahrscheinlicher macht. Daher wird das zurückliegende Hochwasserer- eignis 2021 genau analysiert und bewer- tet, um daraus die richtigen Schlüsse für ein zukünftiges klimaresilientes Hoch- wasserrisikomanagement zu ziehen.“ Ein wichtiger Aspekt des Plans ist die Überprüfung der festgesetzten Über- schwemmungsgebiete, konkret, ob bei der Festsetzung von Überschwemmungs- gebiete aufgrund des Klimawandels ein Klimazuschlag berücksichtigt werden muss. Damit würde dann nicht mehr wie bislang nur der vom Wasserhaushaltsge- setz vorgegebene Mindestbereich des 100-jährlichen Abflusses festgesetzt. Die daraus wahrscheinlich resultieren- de Erweiterung von Überschwemmungs- gebieten ist mit Sicherheit für Kommu- nen, Bürger und Industrie äußerst proble- matisch. Überflutungsgefährdete Flächen müssen aber von Bebauung freigehalten werden, die Kriterien des hochwasseran- gepassten Bauens müssen deutlich stär- ker beachtet werden. Denn bei allen Pro- blemen mit Bebauungsverboten in Über- schwemmungsgebieten; weiter so wie bisher kann definitiv nicht die Lösung sein. In bestimmten Gebieten kann kein vollständiger Hochwasserschutz gewähr- leistet werden, insbesondere nicht vor dem Hintergrund klimawandelbedingter Zunahmen von Extremniederschlägen. Ein weiteres wichtiges Thema, so- wohl im NRW-Arbeitsplan als auch in der öffentlichen Diskussion, stellt das Tal- sperrenmanagement dar – in konkreten Klimawandel – wasserwirtschaftliche Aufgaben in der öffentlichen Diskussion Situationen mit ergiebigen Niederschlä- gen im Einzugsgebiet, aber auch langfris- tig hinsichtlich der zunehmenden Extre- ma Starkregen und langanhaltenden Trockenphasen. Positiv für die Wasser- wirtschaft, insbesondere vor dem Hinter- grund der zum Teil falschen Darstellun- gen in verschiedenen Medien in den ver- gangenen Wochen: Im Arbeitsplan stellt das Umweltministerium klar, dass Tal- sperren, unabhängig von ihren verschie- denen anderen Aufgaben, die möglichst schadlose Abführung eines Hochwassers in einem Gewässer verbessern. Diese hochwassermindernde Wirkung von Talsperren hat die Juli-Flut in Nord- rhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ein- drucksvoll belegt. An den Flüssen mit Talsperrensystemen wie Ruhr, Wupper und Rur waren die Überflutungen und Schäden deutlich geringer als in den Flusssystemen, die über keine Talsper- rensysteme verfügen, beispielsweise in den direkt benachbarten Einzugsgebie- ten von Rur und Ahr. Und dies trotz Nie- derschlägen, die regional eine 1000-jähr- liche Wahrscheinlichkeit erreicht haben. Von großer Bedeutung ist dabei ein vo- rausschauendes Talsperrenmanagement. So hatte beispielsweise der Ruhrverband bereits am 12. Juli, zwei Tage vor dem Starkregenereignis, aufgrund der Wetter- prognosen mit dem Ablassen aus den Tal- sperren begonnen. Dies hat Professor Dr.-Ing. Norbert Jardin, Vorstandsvorsit- zender des Ruhrverbandes, Ende Januar bei einer Anhörung des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses im NRW-Land- tag noch einmal ausdrücklich bestätigt. Aufgrund des letzten Sommers steht bezüglich des Klimawandels aktuell wie- der besonders die Überflutungsvorsorge im Fokus. Ein Blick zurück auf die Jahre 2018 bis 2020 zeigt aber auch die andere Seite der Medaille, die für die Wasser- wirtschaft von ebenso großer Bedeutung ist: Trockenheit und Hitze. Diese Ent- wicklung wirkt sich mittlerweile nach- weislich auf die Grundwasserneubildung und damit auch auf die Grundwasser- stände in Deutschland aus. Besonders eindringlich belegen dies aktuelle Zahlen aus Sachsen. Ein hohes Niederschlagsde- fizit, Rekordtemperaturen und eine extre- me Sonnenscheindauer haben dort bis zum August 2021 zur stärksten Grund- wasserdürre seit Beobachtungsbeginn vor 100 Jahren geführt. Trotz einer leich- ten Entspannung im Wasserhaushalt ab der zweiten Jahreshälfte 2021 wirkten die Folgen der Trockenheit nach, so das gemeinsame Fazit des Sächsischen Lan- desamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie und des Deutschen Wetter- dienstes. Die Grundwasserstände in Sach- sen liegen bei knapp zwei Dritteln der Messstellen immer noch 42 cm unter den monatstypischen Werten. Und dies hat auch Folgen für die Oberflächengewässer. In den sächsischen Flüssen und Bächen hat sich die Situation 2021 zwar weitest- gehend entspannt. Ohne eine nachhaltige Erholung des Grundwassers werde es bei längeren Trockenphasen aber auch im laufenden Jahr rasch wieder zu Niedrig- wasser in den Fließgewässern kommen, so das sächsische Umweltministerium. Hochwasser, Niedrigwasser, nur zwei von vielen spannenden und großen He­ rausforderungen, der sich die Wasser- wirtschaft stellen muss. Wichtig dafür ist der direkte Austausch der Fachleute aus den verschiedensten Bereichen. Eine sehr gute Möglichkeit dafür bietet die IFAT als weltweite Leitmesse der Wasser- wirtschaft Anfang Juni in München. Freuen wir uns auf viele interessante Ge- spräche in München und gehen optimis- tisch in die nächsten Wochen. Stefan Bröker

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