KW-2020-10

522 Spektrum w Korrespondenz Wasserwirtschaft · 2020 (13) · Nr. 10 www.dwa.de/KW Fischliftsystem Baldeneysee offiziell in Betrieb Das Fischliftsystem am Baldeneysee hat laut dem Ruhrverband die technischen Tests erfolgeich bestanden. Erste Fische nutzen bereits den Fischlift und wandern flussaufwärts. Mitte August wurde das Fischliftsystem durch die nordrhein- westfälische-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser offiziell in Betrieb genom- men. Am Baldeneysee war aufgrund des extremen Höhenunterschieds der Wehr- anlage und der beengten Platzverhältnis- se eine konventionelle Fischaufstiegsan- lage nicht realisierbar. Deswegen hatte das Land Nordrhein-Westfalen zusam- men mit dem Ruhrverband eine Exper- tenkommission beauftragt, sinnvolle Lö- sungen zu diskutieren. Die innovative Lösung Fischlift soll – wenn das Monito- ring, wie erwartet, positiv ausfällt –Pilot- funktion für NRW und sogar bundesweit haben. Seit Anfang Juli 2020 wurden die technischen Bauteile, die Steuerungs- und Fernwartungstechnik, die Monito- ringsysteme und das Datenmanagement des Fischliftsystems ausgiebig getestet. Die Tests verliefen sehr positiv. Bereits in der ersten Testphase haben jede Mengen Rotaugen, Barsche und kleinere Fisch- schwärme die neue Aufstiegsmöglichkeit in den Baldeneysee genutzt, obwohl zu dieser Jahreszeit eigentlich keine ausge- prägten Fischwanderungen stattfinden. Selbst ein kapitaler Wels wurde durch die Beobachtungskameras registriert. Diese Erkenntnisse stimmen den Ruhr- verband sehr optimistisch, dass das neue Liftsystem wie geplant von den Fischen angenommen wird. Mit der offiziellen Inbetriebnahme beginnt nun eine ca. ein- jährige Einfahrphase. In dieser Zeit wird die automatische Steuerung des Systems konfiguriert, sodass die Lifte zukünftig bedarfsgerecht die Fische von der unte- ren Ruhr in den Baldeneysee befördern können. Zu berücksichtigen sind dabei unterschiedliche Wasserstände und Ab- flüsse der Ruhr sowie die jahreszeitlich schwankenden Wanderungsintensitäten der Fische. An das Einfahren schließt sich eine etwa zweijährige Monitoring- phase an, um den Erfolg des Pilotpro- jekts nachzuweisen und die Übertragbar- keit auf andere Standorte und Rahmen- bedingungen sicherzustellen. Die Bau- kosten für das Fischliftsystem betrugen rund 6,8 Millionen Euro. Das Projekt wird durch das Land Nordrhein-West­ falen zu 80 Prozent gefördert. W Extreme Dürreperioden nehmen in Mitteleuropa zu Die Häufigkeit und das Ausmaß außer- gewöhnlicher, aufeinanderfolgender Sommer-Dürren dürften bis zum Ende des Jahrhunderts in Mitteleuropa zuneh- men, wenn die Treibhausgasemissionen nicht reduziert werden. Das zeigt eine Studie unter Leitung von Wissenschaft- lern des UFZ. Seit dem Frühjahr 2018 be- findet sich ein großer Teil Europas inmit- ten einer außergewöhnlichen Dürre. Ein deutsch-tschechisches Wissenschaftler- team unter Leitung des UFZ hat nun die beiden Dürrejahre 2018/2019 in die Rei- he langfristiger globaler Klimadaten der letzten 250 Jahre eingeordnet. Dabei zeigte sich, dass es seit 1766 in Mitteleu- ropa keine zweijährige Sommer-Dürre dieses Ausmaßes gegeben hat. Mehr als 50 Prozent der Fläche war davon betrof- fen. Um vorherzusagen, wie häufig sol- che Dürren in den kommenden Jahr- zehnten auftreten könnten und welchen Einfluss Treibhausgasemissionen darauf haben, nutzten die Autoren Klimasimula- tionsmodelle. Die Auswirkungen zeigen sie anhand von drei Szenarien zukünfti- ger Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2100, den sogenannten „Repräsen- tativen Konzentrationspfaden“ (RCPs). Bei der Modellierung von Klimaszenari- en, die den höchsten Anstieg der Treib­ hausgase bis zum Jahr 2100 annehmen (RCP 8.5), prognostizieren die Autoren eine Versiebenfachung der Anzahl zwei- jähriger sommerlicher Dürreperioden in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts (2051-2100). Die Projekti- onen legen auch nahe, dass sich die von der Dürre betroffenen Ackerflächen fast verdoppeln werden – auf mehr als 40 Millionen Hektar. Nimmt man einen mo- deraten Anstieg der Treibhausgaskon- zentrationen (RCP4.5) an, verringert sich die Zahl der zweijährigen Sommer- Dürren im Vergleich zum RCP 8.5-Szena- rio um fast die Hälfte und die davon be- troffene Ackerfläche um 37 Prozent, prognostizieren die Wissenschaftler. Wer- den niedrige Treibhausgaskonzentratio- nen (RCP2.6) angenommen, dann nimmt die erwartete Häufigkeit von zweijährigen Sommerdürren sogar um über 90 Prozent ab. Die Zahl der dürre- gefährdeten Ackerflächen verringerte sich entsprechend um 60 Prozent. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine wirksame Minderungsstrategie für die Emission von Treibhausgasen dazu bei- tragen könnte, das Risiko häufigerer und ausgedehnterer aufeinanderfolgender Sommer-Dürren in Mitteleuropa zu ver- ringern. Die Wissenschaftler haben die Studie „Increased future occurrences of the exceptional 2018–2019 Central Eu- ropean drought under global warming“ im Fachmagazin Scientific Reports veröf- fentlicht ( https://doi.org/10.1038/ s41598-020-68872-9 ) W Der Flussdoktor – Diagnosewerkzeug zur Gewässerqualität Zu wenig Schatten? Zu viele Nährstoffe aus anliegenden Äckern? Ausgebaute Ufer? Wenn es einem Fluss oder Bach aus ökologischer Sicht nicht gut geht, gibt es viele mögliche Ursachen. Sie sind aber mitunter schwierig zu erkennen. Wissen- schaftler der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben nun eine Methode entwi- ckelt, die biologische Symptome auswer- tet und die wahrscheinlichen Ursachen der Beeinträchtigung benennt. „Unser Werkzeug funktioniert ähnlich wie ein Arztbesuch, bei dem wir gefragt werden ‚Wo hapert’s denn?‘“, erklärt PD Dr. Christian Feld aus der Aquatischen Öko- logie. Anstelle der Wehwehchen des menschlichen Körpers schauen die Biolo- gen jedoch auf die biologischen Sympto- me eines Gewässers, das „erkrankt“ ist, beispielsweise auf die vorhandenen In- sekten, Kleinkrebse und Muscheln. Denn jede Art hat andere Anforderungen an ihren Lebensraum. Aus der biologischen Vielfalt lassen sich daher Hinweise auf Wassertemperatur, Sauerstoffgehalt, Strömung oder Beschaffenheit der Bach- sohle ableiten. Das Team um Christian Feld gibt Fachleuten ein Werkzeug an die Hand, das die Ursachendiagnose erleich- tert: Sind die biologischen Symptome des Gewässers in die Onlinemaske einge- tragen, errechnet das Programm die Wahrscheinlichkeit möglicher Ursachen wie fehlende Beschattung oder Überdün- gung und ordnet diese hierarchisch ein. Es erklärt zudem Hintergründe und gibt Tipps zum weiteren Vorgehen. Detailliert ist der „Flussdoktor“ im Aufsatz „A framework to diagnose the causes of ri- ver ecosystem deterioration using biolo- gical symptoms“, Journal of Applied Eco- logy (DOI: 10.1111/1365-2664.13733), beschrieben. W

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