GI-2022-02

1249 Der Fachbeitrag www.dwa.de KW Gewässer-Info Nr. 84 · Mai 2022 Einführung In Hamburg setzen sich drei Umweltverbände für die naturna- he Entwicklung und ökologische Aufwertung der Alster, des zweitgrößten Flusses in Hamburg, ein. Seit 2012 hat das Pro- jektteam Lebendige Alster im Dialog mit den Stakeholdern be- reits viel erreicht: Die Alsteraue ist durch Flutmulden wieder besser mit dem Fließgewässer verknüpft, Kies und Totholz ha- ben an vielen Stellen die Struktur der Alster verbessert und die Lebensraumvielfalt erhöht. Vor allem der stark verbaute inner- städtische Bereich stellt eine große Herausforderung dar. Hier erprobt das Projekt innovative Konzepte für Ersatzstrukturen, die auch in bisher lebensfeindlichen städtischen Gewässerstre- cken wertvolle Teillebensräume bieten können. „Heavily modified“ – und das schon seit Jahrhunderten Die Alster beginnt ihren Lauf in der Gemeinde Henstedt-Ulz- burg in Schleswig-Holstein als kleines Rinnsal und mündet nach 56 km im Bereich der Hamburger Innenstadt in die Elbe. Bevor die Stadt Hamburg entstand, floss die Alster in ein gro- ßes Binnendelta. Durch die Gezeiten und die Energie, mit der die Flut in das Elbe-Urstomtal strömte, entstand hier im Lan- desinneren durch die Ablagerung von Sedimenten ein weitver- zweigtes Labyrinth aus Flussarmen. Bereits Ende des 12. Jahrhunderts wurde die Alster auf Hö- he Jungfernstieg aufgestaut, um Mühlen zu betreiben. Durch den Aufstau entstand die Außenalster, ein heute 164 Hektar gro- ßer Stausee, sowie die 16 Hektar große Binnenalster. Unterhalb des Jungfernstiegs wurden die Alsterarme zu Kanälen, den soge- nannten Fleeten, ausgebaut und von Kontorhäusern gesäumt. Bild 1: Alsterfleet (Foto: A. Lampe) Im 16. Jahrhundert veränderte der Mensch den Lauf des ge- samten Flusses: Die Bedeutung als Transportweg nahm zu. Die Alster wurde vielerorts vertieft und an mehreren Stellen wur- den Schleusenanlagen gebaut. Dies sicherte den notwendigen Wasserstand in dem nun stauregulierten Gewässer und mach- te einen Warentransport auch flussaufwärts möglich. Diese frü- hen wasserbaulichen Maßnahmen unterbanden die Durchgän- gigkeit der Alster und reduzierten fließgewässertypische Dyna- miken auf kurze Abschnitte unterhalb der Wehranlagen. Aus diesem Grund zählt fast die gesamte Alster in Hamburg heute zu den „erheblich veränderten Oberflächenwasserkörpern“ („heavily modified water body“, HMWB). Für eine lebendige Zukunft der Alster Das verbändeübergreifende Projekt „Lebendige Alster“ des BUND Hamburg, des in Niedersachsen ansässigen Vereins Ak- tion Fischotterschutz und des NABU Hamburg ist seit 2012 ak- tiv. Der Fokus des Projekts liegt zum einen auf der ökologischen Aufwertung der Alster und zum anderen darin, den Natur- schutz an dem zweitgrößten Fluss Hamburgs, in dessen Ein- zugsgebiet mehr als eine Million Menschen leben, ins Bewusst- sein seiner Bürger zu rücken. So wurden Auenbereiche durch die Schaffung von Flutmulden wieder besser mit dem Fließge- wässer verknüpft, der Einbau von Kies und Totholz führte zu einer strukturellen Aufwertung vieler Abschnitte der Alster und somit zu einer Erhöhung die Lebensraumvielfalt. Neben den Maßnahmen zur ökologischen Entwicklung der Flussland- schaft ist die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit ein weiterer Schwerpunkt im Projekt „Lebendige Alster“. Behörden, Vereine und Anwohner*innen werden intensiv in die Planungen einbe- zogen, was die Akzeptanz und damit den Erfolg des Projekts deutlich erhöht. Viele Maßnahmen werden an Aktionstagen zusammen mit Hamburger Bürger*Innen, Firmen oder Schu- len umgesetzt. Alsterspezifisches Unterrichtsmaterial und digi- tale Erlebnispfade bieten weiterführende Lektüre für Bewoh- ner und Besucher der Alster. Erhebliches Potential trotz großer Einschrän- kungen Fischbestandskundliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Alster zwar in weiten Bereichen wieder von mehreren rheo- philen Fischarten als Lebensraum genutzt wird, an Langdis- tanzwanderern wurden bisher lediglich die Quappe, der Aal, die Wanderform des Dreistacheligen Stichlings und mit weni- gen Individuen die Meerforelle im Bereich der fließenden Als- ter nachgewiesen. Der Grund dafür, dass anadrome Fischarten wie die Meerforelle und Rundmäuler wie das Flussneunauge keine vitalen Populationen in der Alster haben bzw. gar nicht vorkommen, lag lange Zeit an der fehlenden Durchgängigkeit. In den beiden letzten Jahrzehnten wurden an drei der sechs sich auf Hamburger Stadtgebiet befindlichen Wehranlagen Fischaufstiegsanlagen errichtet. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels ist eine vierte Anlage im Bau. Das Projektteam „Lebendige Alster“ untersucht aktuell die neu geschaffenen Kiesbetten der Alster auf ihre Eignung als Laichbetten z. B. für Meerforellen. Hierzu werden Strömungsgeschwindigkeiten und Sauerstoffgehalte im Kieslückensystem sowie die Durch- Lebendige Alster – Neue Gewässerland- schaften für Hamburg

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